Biophiles Design – wie die Natur Menschen und Unternehmen zum Erfolg verhilft

Aktivitätsbasiertes Design, menschenzentriertes Design, biophiles Design. Es gibt verschiedene ineinandergreifende Konzepte und Ansätze für angenehme und produktive Arbeitsplätze. „Ich sehe biophiles Design in der Tat als ein übergeordnetes Konzept, das viel mehr ist, als nur ein Teil des menschenzentrierten oder aktivitätsbasierten Designs“, erklärt der Architekt und biophile Designer Oliver Heath.

Biophilie bedeutet Liebe zum Leben. Sie erklärt die Anziehungskraft der Menschen zur Natur und den Wunsch, mit ihr verbunden zu sein. Der Begriff wurde vom deutsch-amerikanischen Sozialpsychologen Erich Fromm geschaffen und in den 1980er Jahren von Edward O. Wilson, einem amerikanischen Biologen, populär gemacht. Der Idee der Biophilie zufolge haben wir nach Hunderttausenden von Jahren als Teil der Natur eine genetische Verbindung zur natürlichen Umwelt.

Fromm und Wilson erkannten den starken Bezug der Menschen zur Natur und wie sich gleichermassen das Leben in Städten nachteilig auswirkt.

Oliver_Heath_250px.jpg„Das sind Orte mit viel Stress und Technik – und einem Mangel an Natur. Eine natürliche Umgebung sorgt dagegen für Stressabbau und Erholung. Biophilie heisst im Wesentlichen, wie und warum wir es lieben, von der Natur umgeben zu sein“, sagt Oliver Heath.

Die Idee der Biophilie wurde auch von dem amerikanischen Sozialökologen Stephen Kellert aufgegriffen. Er hat Rahmenbedingungen für Gebäude entwickelt, um den Bezug zur Natur herzustellen, basierend auf drei Kernbereichen:

1) Direkte Verbindung zur Natur

Hier geht es um die konkrete Einbindung von realen Naturelementen - Pflanzen, Bäume, Wasser, frische Luft, sanfte Bewegungen, Tiere und sogar Klima.

2) Indirekte Verbindung zur Natur

Auf diese Weise imitieren und erzeugen wir ein Erleben von Natur, indem wir natürliche Materialien, Farben, Texturen, Muster und entsprechende Technologien verwenden.

3) Menschliches Raumerlebnis (Raum- und Ortserfahrung)

Wir schaffen Räume, die sowohl stimulieren und anregen, als auch beruhigen und entspannen. Es geht hier um Themen wie die Integration von Teilen zu einem Ganzen, Übergangsräume, Mobilität und Wegführung.

„Alle diese Elemente sind für eine gelungene Gebäudegestaltung essenziell. Beim biophilen Design geht es darum, verschiedene Vorlagen innerhalb der drei Bereiche auszuwählen, um die gewünschten Funktionen in den Arbeitsbereichen herzustellen“, erklärt Oliver Heath.

Durch viele Forschungsstudien nachgewiesen

Die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte haben wir in der Savanne, im Wald oder am Meer gelebt, jetzt befinden wir uns in städtischen, lauten und ungesunden Umgebungen. Die biophile Idee besteht darin, Natur einzubeziehen, um Stress abzubauen, Erholung zu fördern und das allgemeine geistige und körperliche Wohlbefinden zu verbessern. Die Herstellung von positiven menschlichen Befindlichkeiten ist für viele Gebäudetypologien vorteilhaft, die in unserem Leben wichtig sind. Diese Vorteile wurden laut Oliver Heath in den letzten 30 Jahren durch zahlreiche Forschungsstudien in allen Arten von Gebäuden nachgewiesen.

„Schüler lernen bei natürlichem Licht besser, Patienten erholen sich schneller und mit weniger Medikamenten, wenn sie Natur sehen können, und es gibt Hinweise darauf, dass sich dadurch Produktivität, Kreativität und Engagement in Büros verbessern. Biophiles Design ist ein evidenzbasierter Ansatz, den viel zu wenige Architekten und Designer während ihres Studiums kennenlernen.“

Oliver verweist beispielhaft auf Hotels.

„Wenn Sie in den Urlaub fahren und ein Hotel buchen, das zwei Seiten hat, eine mit Blick auf die Stadt und die andere mit Blick auf den Strand – welche ist wertvoller? Nun, es ist wohl offensichtlich, dass die meisten Menschen den Strandblick bevorzugen werden und dafür mehr bezahlen.“

Betrachten Sie den langfristigen Wert

Natürlich findet Olivers Ansatz zum biophilen Design nicht immer das Interesse aller, zumindest anfangs. Er stösst auf grossen Widerstand, weil gutes Design schwer zu bewerten ist, sich stattdessen zu sehr auf kurzfristige Kosten fixiert und der Erfolg eines Gebäudes nur an der Einhaltung von Zeitrahmen und Budgets gemessen wird.

"Wie können wir jemals einschätzen, welchen Wert unsere Gebäude und gutes Design für uns und den grössten Kostenfaktor von Unternehmen – die Mitarbeiter – haben können, wenn wir keine Vorher-Nachher-Bewertungen durchführen und quantitative wie auch qualitative Forschung betreiben?"

Oliver betont, wie wichtig bei der Sanierung oder dem Bau von Büros ein ganzheitlicher Ansatz ist.

"Es kommt darauf an, die langfristigen Werte im Blick zu haben. Schliesslich geht es darum, die Menschen zu begeistern, sie produktiv, glücklich und gesund zu erhalten und sicherzustellen, dass sie im Unternehmen bleiben wollen. Real entfallen 90% der Betriebskosten auf die Belegschaft. Jedes Mal, wenn Mitarbeiter aus dem Unternehmen ausscheiden, kostet es das 2,5-fache des Gehalts, sie zu ersetzen.“

„Viel zu lange haben wir die Strategie verfolgt, dass Design die Corporate Identity zum Ausdruck bringen soll, sei es hinsichtlich Einfluss, Vermögen, Status oder Grösse. Das biophile Design hat jedoch einen mehr intrinsischen Ansatz. Es soll den Menschen zu einer bestmöglichen Kondition verhelfen, damit sie die von ihnen geforderten Aufgaben ausführen – ob glücklich, ruhig, entspannt, kreativ, kommunikativ oder produktiv – und sich auf ihre Aufgaben konzentrieren und sie erfüllen.“

Physische und psychische Auswirkungen

In der Arbeitswelt gibt es viele Konzepte und Begriffe: aktivitätsbasiertes Design, biophiles Design und menschenzentriertes Design, um nur einige zu nennen. Für Nicht-Experten scheinen alle diese Ansätze miteinander verflochten zu sein und sich im Grunde auf die gleichen Dinge zu konzentrieren.

„Man könnte annehmen, dass biophiles Design eine Unterkategorie des menschenzentrierten Designs ist. Aber ich sehe biophiles Design als ein übergeordnetes Konzept, das weitaus mehr als nur ein Teilbereich ist. Biophiles Design bietet nicht nur physische, sondern auch psychische Vorteile. Wenn Sie ein Gebäude betreten und eine Fülle von Pflanzen und Grünflächen sehen, stellt sich sofort eine visuelle Wahrnehmung ein: Da sich Pflanzen hier wohlfühlen, werde ich es vielleicht auch! Und genauso wie die Pflanzen werde ich aufblühen und wachsen.“

Im Lärmgewitter

Oliver spricht viel über die Evolution und wie unsere Sinne mit der Natur verbunden sind, dazu zählt nicht zuletzt auch unser Gehör. Im Laufe von Jahrtausenden haben wir unsere Ohren benutzt, um auf Bedrohungen zu reagieren und Chancen zu nutzen. Das Knacken eines Zweigs im Wald bedeutet Gefahr. Das Geräusch von fliessendem Wasser weist zum lebenswichtigen Getränk in der Nähe.

„Heute werden wir bei der Arbeit mit Lärm bombardiert: Verkehr, Telefone, Textnachrichten, Menschen, die auf Tastaturen tippen, oder Gespräche in unmittelbarer Nähe. Im weitläufigen Grossraumbüro können wir nicht erwarten, dass jeder so einfach damit umgehen kann.“

Deshalb ist es essenziell, die angemessene Akustik zu finden, betont Oliver.

„Unzureichende Raumakustik ist in jedem Gebäudetyp enorm schädlich. Trotzdem ist es das Einzige, woran so viele Designer häufig erst denken, wenn ein Projekt abgeschlossen ist.“

Fügen Sie eine weitere Akustikebene hinzu

Neben guter Raumakustik und verkürzten Nachhallzeiten interessieren sich Oliver und sein Team auch für die weiteren Akustikebenen, die ein gutes Empfinden auslösen.

„Eine zusätzliche positive akustische Ebene kann sehr vorteilhaft sein, insbesondere das Geräusch von frischem, fliessendem Wasser. Es trägt zur Maskierung von Sprachgeräuschen bei und kann den Menschen tatsächlich helfen, Ablenkungen zu verringern und effektiver zu arbeiten bei weniger körperlicher und geistiger Belastung. Aber man muss die Sinne zweifach ansprechen, damit die Menschen das Wasser hören und auch sehen können. Beim reinen Hören von Wassergeräusch denken sie entweder, dass ein Rohr geplatzt ist, oder sie verspüren den Drang, auf die Toilette zu gehen. Das kann zum Problem werden“, lacht Oliver Heath.

Toilettenprobleme hin oder her. Wäre es nicht an der Zeit, mit glücklicheren, gesünderen und produktiveren Menschen als unmittelbarer Nutzen des biophilen Designs die Türen für die Natur zu öffnen?

Weitere Informationen zum biophilen Design finden Sie unter oliverheath.com
Oder hören Sie sich die Episode über biophile Akustik im The Quiet Mark Podcast an.

 

Text: Lars Wirtén
Fotos: Oliver Heath Design
Text ins Deutsche: Volker von Baczko, Consultant for Room Acoustics bei Ecophon Deutschland